Festspiel

500 Jahre Tradition

Seit "unvordenklichen Zeiten" wird in Furth im Wald der "Lindwurm" gestochen. Ein erster Hinweis auf dieses uralte Brauchtum findet sich im Further Ratsbuch von 1590. Wie weit die Tradition des Drachenstechens von dort aus noch in die Vergangenheit zurückreicht, das wird sich wohl nie mehr feststellen lassen. Zu viele alte Aufzeichnungen sind im Lauf der Jahrhunderte an der stets umkämpften bayerisch-böhmischen Grenze ein Raub der Flammen geworden. Und so blicken die Further stolz auf eine Tradition zurück, die man wohl mit mindestens 500 Jahren beziffern kann. Das macht den Drachenstich zum ältesten Festspiel Deutschlands - und auch vermutlich Europas!

Barocke Bilderpracht

Ursprünglich war der Drachenstich ein effektvoller theatraler Bestandteil der Fronleichnamsprozession. Mit solchen anschaulichen Heiligendarstellungen setzte die Katholische Kirche im Zuge der Gegenreformation allen "Bilderfeinden" der protestantischen und hussitischen Bewegungen eine beeindruckende Bilderpracht entgegen. Sie sollte so überwältigend die Wahrheit der katholischen Lehre darstellen, dass sich nicht einmal ein "ungläubiger Thomas" hätte entziehen können.

Ein grenzenloses Fest

Jahrhundertelang war der Drache von einer Verkörperung des Heiligen Georg gestochen worden, der alljährlich aus der Further Bürgerschaft erwählt wurde. Jahrhundertelang war dieser Drachentod ein Spektakel, das Bayern und Böhmen in Furth zusammenführte. Das vergossene Drachenblut galt als wunderwirkend, Taschentücher wurden damit ehrfurchtsvoll getränkt.

Jungfrau mit Fragezeichen

Zunehmend geriet der Drachenstich auch zu einer volksnahen Belustigung. Da berichten die Quellen, dass der Drache bei seinem Auftritt gerne nach den attraktivsten Zuschauerinnen schnappt. Da heißt es, eine "Jungfrau(?)" warte vor dem Rathaus auf den Ritter, der sie aus der Drachennot errettet, und dieser komme erst herbeigeritten, nachdem er sich in etlichen Wirtshäusern reichlich Mut angetrunken habe. Da mag die Zielgenauigkeit sehr gelitten haben, mit der der Ritter die Blutblase im Drachenmaul treffen muss - aber macht ja nichts: Ist der Drache nach dem Stich noch nicht tot, dann zieht der Ritter seinen Vorderlader und knallt das Biest über den Haufen.

Protest der Kirche

Kein Wunder, dass die Kirche gegen diese Volksbelustigung seit 1754 mehrfach einschreitet und sie aus dem Fronleichnamszug verbannen will. Auch das strikteste Verbot, 1878 ausgesprochen, wird von den Furthern schlichtweg ignoriert. Als der Pfarrer am Fronleichnamstag mit dem Allerheiligsten aus der Kirche tritt, steht ihm da ein stichfertiges Drachen-Ensemble gegenüber, das sich wie eh und je in den Zug einreihen will. Der Pfarrer macht auf dem Absatz kehrt und verlegt kurzerhand die gesamte Prozession in die Enge des Gotteshauses. Der Drache wird dennoch auf dem Stadtplatz gestochen, ob mit oder ohne Pfarrer.
Das Verbot des Regensburger Bischofs und strenge Regieanweisungen bewirkten bei den Furthern erbitterten Widerstand: Sie werfen die Fenster des Pfarrhofs ein und wollen nicht von ihrem Drachen lassen. Endlich einigt man sich: Der Drachenstich ist ab 1879 ein eigenständiges Festspiel und überlebt so bis heute.

Immer mit der Zeit gegangen

"Grüß Gott, grüß Gott , Ihr königliche Tochter mein! Was macht Ihr wohl auf diesem harten Stein?"

Mit diesen Worten begrüßt der Ritter im ältesten Festspieltext jene Dame in Nöten, die in Furth traditionsgemäß als "Ritterin" bezeichnet wird. Als Kurzdrama mit leicht holpernden Versen kommt uns der Drachenstich ab 1879 entgegen - aber nicht für lange. Denn die Further verstehen es stets, die Zeichen der Zeit rechtzeitig zu erkennen und ihr Festspiel der jeweiligen Zeit anzupassen. Und so oder so atmet das Spiel kräftig den Geist seiner Epoche. Unter Kaiser Wilhelms Pickelhaube klingt der Festspiel-Aufruf zum Eintritt in die Kreuzzugsarmee gegen die Feinde des Reichs wie ein Auftakt zum Ersten Weltkrieg. Zwischen den Kriegen reicht man den böhmischen Nachbarn die Hand. Dann aber blicken die Ritter wieder grimmig über die Grenze - zumal in jenen 12 Jahren des "Tausendjährigen Reichs"

Der Drache als Symbol des Kalten Kriegs

Nach dem 2. Weltkrieg beauftragt man den Romancier Josef Martin Bauer mit der Abfassung eines neuen Textes. Und wieder gelang die Verschränkung mit dem Zeitgeist, ein aktueller Gegenwartskommentar im historischen Gewand: Der verlorene Krieg, die Flüchtlingstrecks aus dem Osten, die Willkürherrschaft der braunen Machthaber und der Eiserne Vorhang spiegeln sich in dem Text wider und sind das unverrückbare Fundament von Bauers Textaussage. Der Drache gerät ihm unzweideutig zum Symbol der kommunistischen Bedrohung aus dem Osten. Das Unwetter bei der Uraufführung 1952 war nicht der einzige Sturm, der sich zusammenbraute: Der neue Spieltext war in der Bevölkerung heftig umstritten, wurde teilweise massiv abgelehnt. Doch allmählich lernte man die Qualität von Bauers Text zu schätzen, so dass der Text mehr als fünf Jahrzehnte gespielt wurde und bei den Furthern zu einer Art Klassiker avancierte, von dem man ungern lassen wollte. Daher war man auch bemüht, Bauers Stück über den Untergang des Kommunismus hinwegzuretten: Man versuchte seine klare Angriffsrichtung abzumildern, seine konkreten Aussagen zu verallgemeinern und den Kalten Krieg aus seinem Text zu eliminieren. Doch vergebens: Bauers klare Aussage entzog sich diesen Versuchen und ließ sich nicht verwässern. Der Text blieb das, was sein Autor wollte: Ein Kind seiner Zeit.

Aufbruch in die Zukunft

Im Jahr 2006 schlägt der Drachenstich schließlich ein neues Kapitel auf: Der Autor und Regisseur Alexander Etzel-Ragusa kreiert ein neues Festspiel, das den Drachenstich in die Zukunft führen soll. Einerseits zeichnet ein respektvoller Umgang mit der großen Vergangenheit des Drachenstichs dieses Festspiel aus. Andererseits ist es aber auch sichtlich für die Zuschauergeneration von Heute geschrieben: Spektakulärer, reicher an Aktion, Bildern und Emotionen. Im neuesten Licht der historischen Forschung werden jetzt die Ereignisse um die verhängnisvolle Hussitenschlacht bei Taus betrachtet, die dem Stück seine geschichtliche Grundlage geben. Die Mystik des Mittelalters und die Mythen des Drachen sind prägende Elemente des Festspiels. Und aus den Augen des Zuschauers von heute stellt es die Fragen der Gegenwart an die Ereignisse der Vergangenheit. Sei es die Frage nach dem verantwortungsvollen Umgang des Menschen mit der Schöpfung, sei es das ewige Rätsel um die Existenz Gottes oder das bis heute immer wieder auflodernde Problem des religiösen Fanatismus. All diese Fragen sind notwendige Fragen. Denn wer aus der Vergangenheit nicht lernen will, ist nun mal dazu verdammt, die gleichen Fehler zweimal zu begehen ...

Joomla templates by a4joomla